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Mittwoch 18. Oktober 2017 Alter: 215 days

Seltenere Krankheiten im Fokus

7. Bad Nauheimer Diabetologischer Abend erfreut sich wieder guten Zuspruchs – Bedeutung abgestimmter Behandlungsverläufe betont


Die Referenten des 7. Bad Nauheimer Diabetologischen Abend (von links nach rechts): Dr. Sebastian Petry, Dr. Isabel Martin, Prof. Dr. Jürgen Schäfer, Mirjam Schmerschneider und Dr. Michael Eckhard. Es fehlt Prof. Driesel.

Bad Nauheim (HR) Diabetes ist eine Volkskrankheit, und hinsichtlich ihrer Diagnostik und Therapie gibt es immer wieder wichtige und bahnbrechende Neuigkeiten. Erörtert werden diese alljährlich unter anderem auf dem Bad Nauheimer Diabetologischen Abend. Dessen siebte Auflage im obersten Stock des Wolfgang-Potinius-Facharzt- und Servicezentrums erfreute sich mit mehr als 70 fachkundigen Teilnehmern, ausgesuchten Referenten und einem lebhaften Gedankenaustausch erneut hervorragender Resonanz. Im Fokus standen in diesem Jahr seltenere Krankheiten.

Etwa acht Millionen Menschen in Deutschland leiden an Diabetes mellitus, 85 Prozent an Typ-2, fünf bis zehn Prozent an Typ-1. Mindestens fünf Prozent sind jedoch von einem besonderen Diabetes-Typ, den so genannten monogenetischen Diabetesformen, betroffen. Prof. Dr. rer. nat. habil. A.J. Driesel erläuterte, unter den Diabetes-Formen mit nur einem Verursacher-Gen (monogen) seien wiederum die so genannten MODY-Formen am häufigsten, inzwischen seien hierfür mehr als 14 mögliche Gendefekte bekannt. Weil das Wissen um das Vorliegen eines solchen besonderen Diabetes-Typs mitunter erhebliche Konsequenzen für die Prognose und auch die Therapiewahl haben kann, sollten Ärztinnen und Ärzte, die Menschen mit Diabetes mellitus behandeln, diese Besonderheiten kennen, forderte Prof. Driesel. Hellhörig werden solle man, wenn die Anamnese und vor allem die Familienanamnese Besonderheiten aufweise. Hilfreich in der Diagnostik könnten erweiterte Glukose-Belastungstests sein, eine Bestätigung könne durch die genetische Testung aus einer einfachen Blutabnahme erfolgen.

Dr. med. Sebastian Petry vom universitären Diabeteszentrum am Universitätsklinikum in Gießen konnte nahtlos anschließen mit der Darstellung besonderer Behandlungsfälle aus stationärer und ambulanter Betreuung. Vorgestellt wurden unter anderem Fälle mit einer ausgeprägten Insulinresistenz mit mehr als 800 Insulineinheiten pro Tag. Hierbei wurde deutlich, wie wichtig eine bestmöglich abgestimmte Behandlung in einem multiprofessionellen Team und im Zweifelsfall die zeitweise Aufnahme in eine spezialisierte stationäre Einrichtung für den Therapieerfolg bei solch komplexen Konstellationen sind.

Die Bedeutung eines gut abgestimmten Behandlungsteams verdeutlichten auch Dr. med. Isabel Martin, Diabetologin DDG, und Mirjam Schmerschneider, Diabetesberaterin DDG, beide aus der diabetologischen Schwerpunktpraxis des Diabeteszentrums Mittelhessen im Wolfgang-Potinius-Facharzt- und Servicezentrum am Hochwaldkrankenhaus in Bad Nauheim. Damit die Erkenntnis von der positiven Wirkung regelmäßiger und gezielter körperlicher Bewegung sowohl in der Vorbeugung als auch in der Behandlung des Diabetes zur praktischen Umsetzung führe, sind nach Ansicht von Dr. Martin niederschwellige Angebote und die Anleitung der Patienten in Einzel- und Gruppenschulungen wichtig. Patientinnen und Patienten sollten gezielt für solche Maßnahmen an diabetologische Schwerpunktpraxen  verwiesen werden, während die weitere Betreuung in den Händen des Hausarztes bleibe, so Dr. Martin.

Wie wesentlich ein offenes Ohr, das Stellen der richtigen Fragen und ein aufmerksames Zuhören für das Erkennen besonderer und wirklich seltener Krankheiten sind, vermochte Prof. Dr. Jürgen Schäfer, Leiter des Instituts für seltene und unerkannte Erkrankungen am Universitätsklinikum in Marburg, anschaulich darzustellen. Die Herausforderung sei, so der „Dr. House von Marburg“, trotz der Fülle der täglichen Arbeit und angesichts begrenzter zeitlicher Ressourcen für besondere Konstellationen und Verläufe sensibel zu werden und zu bleiben. Dabei könne sein spezialisiertes Team in Marburg ressourcenbedingt aber auch nur etwa 1000 Fälle von mehreren tausend Anfragen pro Jahr bearbeiten. Anhand sehr eindrücklicher Beispiele zeigte er auf, wie Patienten geholfen werden konnte, die im Vorfeld regelrechte Odysseen durchgemacht hatten.

Durch das Programm führte Dr. Michael Eckhard, Chefarzt der GZW Diabetes-Klinik Bad Nauheim und Leiter des Diabeteszentrum Mittelhessen (DZM) am GZW sowie des universitären Diabeteszentrums am Universitätsklinikum in Gießen (UDZM), ebenso locker wie charmant. Abschließend betonte er, wie wichtig es ihm und seinen Teams sei, jedem Patienten mit dem notwendigen Maß an Respekt, Aufmerksamkeit und fachlicher Kompetenz zu begegnen, kurz gesagt „fachlich kompetent – menschlich zugewandt“.